Wenn ich im NLZ früher Videoanalysen erstellt habe, gab es eine Kategorie, die bei Trainern für die meisten hitzigen Diskussionen sorgte: die Flanke. „Bring das Ding einfach mal rein!“, brüllte der Übungsleiter von der Seitenlinie, während der Analyst im Büro mit dem Kopf schüttelte, weil die statistische Erfolgsaussicht bei genau dieser Aktion gegen null tendierte. Heute, als freier Autor, sehe ich immer noch oft Statistiken über „erfolgreiche Flanken“. Aber was bedeutet das eigentlich? Dass ein Ball beim Mitspieler landet? Dass er einen Torschuss einleitet? Oder einfach nur, dass er nicht im Seitenaus landete?
Lassen Sie uns den Mythos der „guten Flanke“ sezieren. Wir schauen uns an, wie wir den Flanken Erfolg messen können, ohne in die Falle von leeren Phrasen wie „gezieltes Momentum“ zu tappen. Werfen wir einen Blick unter die Motorhaube der Datensätze.
Das Problem mit der klassischen Statistik
Die meisten Standard-Statistiken sind wertlos, wenn sie nicht im Kontext stehen. Eine Flanke, die den Kopf des 1,70 Meter großen Stürmers gegen drei 1,90 Meter große Innenverteidiger findet, wird in vielen Apps als „erfolgreicher Pass“ gewertet. In der Realität ist das jedoch eine taktische Fehlentscheidung, die einen Ballverlust provoziert. Wir müssen weg von der reinen Mengenlehre hin zur Qualitätsbewertung.
Hier ist eine Tabelle, die verdeutlicht, warum wir tiefer graben müssen:

Der heilige Gral: xA aus Flanken
Wenn wir heute den Flanken Erfolg messen wollen, ist xA (Expected Assists) unser wichtigster Hebel. xA berechnet die Wahrscheinlichkeit, dass ein Pass zu einem Tor führt, basierend auf historischen Daten. Wenn ein Spieler eine Flanke schlägt, die einen xA-Wert von 0,3 generiert, bedeutet das: Statistisch gesehen führen drei solcher Aktionen zu einem Treffer.
Realitätscheck: Schaut man sich eine Szene an, in der ein Außenverteidiger aus dem Halbfeld eine „Bananenflanke“ in den Strafraum schlägt, sieht das oft ästhetisch aus. Aber wenn der Stürmer gegen eine geordnete Kette steht, ist der xA-Wert oft winzig (unter 0,05). Eine „erfolgreiche“ Flanke nach alter Zählweise ist hier also faktisch eine Verschwendung von Ballbesitz. Wir müssen auf Flanken fokussieren, die den xA-Wert durch die Bewegung des Stürmers und das Aushebeln der Kette nach oben treiben.
Pässe in die Box: Der Kontext entscheidet
Pässe in die Box sind eine der wichtigsten Kennzahlen für offensives Spiel. Aber Vorsicht: Nicht jede Flanke ist ein konstruktiver Pass in die Box. Ein „Hail Mary“-Ball aus dem Halbfeld, der nur deshalb in der Box landet, weil er hoch und weit geschlagen wurde, ist taktisch oft wertlos. Wir suchen Spieler, die den Passweg aktiv suchen.

Worauf wir bei den Passwegen achten müssen:
- Die Tiefe der Flanke: Kommt die Flanke von der Grundlinie (Cutback) oder aus dem Halbfeld? Statistisch gesehen haben Flanken von der Grundlinie einen massiv höheren xA-Wert, da sie die gegnerische Kette in Richtung des eigenen Tores zwingen. Die Auswahl der Empfänger: Findet der Pass den Bereich zwischen Fünfer und Elfmeterpunkt („Zone 14“ oder „Kill-Zone“)? Der Zeitpunkt: Flanken, die geschlagen werden, wenn der Gegner sich noch nicht formiert hat (z.B. nach Umschaltmomenten), haben eine signifikant höhere Erfolgsrate.
Laufleistung und Bewegungsprofile
Hier wird es spannend für das Scouting. Ein Spieler, der nur Flanken schlägt, wenn er völlig unbedrängt ist, ist bei einem tiefstehenden Gegner nutzlos. Wir müssen Bewegungsprofile analysieren: Wie oft sprintet der Spieler zur Grundlinie, um eine Flanke unter höchstem Druck zu schlagen?
Ein Spieler, der 10 Kilometer pro Spiel zurücklegt, davon aber nur 500 Meter im Hochintensitätsbereich (Sprints), wird Schwierigkeiten haben, gegen moderne Abwehrreihen Räume für Flanken zu finden. Wir suchen Spieler mit einer hohen Frequenz an Sprints in das letzte Drittel. Wenn die Daten zeigen, dass ein Spieler häufig in den Rücken der Abwehr sprintet und *dann* erst flankt, haben wir es mit einer „hochwertigen Flanke“ zu tun.
Defensivaktionen und Zweikämpfe als Flankenvorbereitung
Eine Flanke beginnt nicht erst am Fuß des Spielers, sondern bei der Balleroberung. Ein Flügelspieler, der defensiv mitarbeitet und den Gegner zu einem Fehler zwingt, schafft oft die Lücke für seine eigene Flanke. In der Analyse nennen wir das „Packing“ – also wie viele Gegner man durch eine Aktion überspielt oder wie man den Raum für sich selbst öffnet.
Wer nur darauf achtet, wie viele Flanken geschlagen wurden, übersieht den defensiven Beitrag. Ein Spieler, der Zweikämpfe im Mittelfeld gewinnt und sofort den vertikalen Passweg in den Lauf seines feverpitch.de Außenverteidigers sucht, ist die eigentliche Ursache für den Erfolg. Hier fließen die Daten zusammen: Passqualität, Laufleistung und die Fähigkeit, Druck durch Zweikampfstärke in offensiven Raumgewinn umzuwandeln.
Fazit: Was nehmen wir mit?
Hören Sie auf, Flanken in „erfolgreich“ und „misslungen“ zu unterteilen, basierend darauf, ob sie den Kopf eines Mitspielers fanden. Das ist Steinzeit-Analyse. Wenn Sie heute Spieler bewerten wollen, sollten Sie sich folgende Fragen stellen:
Wie hoch ist der xA-Wert der Flanke? Wenn er unter 0,05 liegt, ist die Flanke eher ein Verzweiflungsakt als ein taktisches Mittel. Woher kommt die Flanke? Suchen Sie Spieler, die den Cutback (Rückpass von der Grundlinie) beherrschen. Das ist die effizienteste Methode, um Pässe in die Box in Tore umzumünzen. Ist der Spieler dynamisch? Flanken aus dem Stand sind leicht zu verteidigen. Suchen Sie nach Datenpunkten, die Sprints in die Tiefe mit nachfolgender Flanke korrelieren.Daten sind ein wunderbares Werkzeug, um das Spiel besser zu verstehen – aber sie sind kein Ersatz für das Anschauen der Szene. Wenn ich heute ein Spiel sehe, achte ich nicht darauf, wer die meisten Flanken geschlagen hat. Ich achte auf den, der die Abwehrkette durch seine Laufwege und seine Passentscheidung dazu zwingt, sich falsch zu positionieren. Das ist der wahre Schlüssel zum Erfolg.
Vergessen Sie das Gerede vom „Momentum“. Fußball ist Physik, Raumaufteilung und die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt getroffen wird. Nutzen wir die Daten, um genau diese Entscheidungsqualität sichtbar zu machen.